AWS im schönen Kyllburg

Aus ganz Deutschland machen sich an diesem sonnig-fröhlichen Freitag neue und alte TeamerInnen auf den Weg, um in das idyllisch-romantische und verschlafene Kyllburg zu gelangen, das „Herz des Harzes“, wie uns ein Mitreisender im Zug erklärt. Wir reisen durch malerische Landschaften. Ein Anflug leichter Aufregung und Vorfreude begleitet die neuen TeamerInnen, gespannt auf inspirierende Menschen und auf das, was das Wochenende alles mit sich bringen wird.  Im Stundentakt spuckt die RE22 neue Teamende aus, die sich gemeinsam auf zum Tagungshaus machen. Dort angekommen, gibt es zunächst eine Stärkung bei veganem und vegetarischen Abendbrot, gepaart mit neugierigen Gesprächen. Im Mittelpunkt dieses AWs stehen sowohl die Begrüßung der neuen TeamerInnen als auch das Kennenlernen neuer Methoden, womit es gleich nach dem Abendessen losgeht: Eine Lesereise lässt uns träumen und beobachten, ein Bingo-Spiel verrät witzige und hilfreiche Fun-Facts. Wir trainieren mithilfe von Sketches unsere Lachmuskeln und klopfen dabei gleichzeitig Wünsche, Ängste und Erwartungen der Teilnehmenden ab. Anschließend lassen wir den Abend gemeinsam beim „Speed-Dating“ ausklingen: Bei heimeligem Kerzenschein und angeregt von teils philosophischen Fragen begeben wir uns draußen in inspirierende Gespräche.

Der Samstag des AWS‘ beginnt mit Nusskuchen und einer Simulation des Welthandels.

Das World Trade Game ist eine Methode, die SchülerInnen – und heute Neuteamenden – ein emotionales und unmittelbares Verständnis von globalen Handelsbeziehungen vermitteln soll. In Ländern mit verschieden günstigen Ausgangsbedingungen zugeteilt, sehen wir uns vor die Aufgabe gestellt, unser BIP in Form von perfekt ausgeschnittenen Papierformen zu erhöhen. So banal dies vorerst klingen mag, gestaltet sich das Wirtschaften für jene schwer, denen Technologie und Know-How in Form von Schere und Formvorlage fehlen. Die große Klause – der eigentlich seriöse Tagungsraum, in dem wir uns eingefunden haben – wird für drei Stunden zum Austragungsort von diplomatischen Bemühungen, Handelskriegen und Generalstreiks. Im Trubel erhitzter Gemüter und aufwallender Gefühle schaffen es manche Länder schließlich, kooperative Allianzen zu schaffen, während andere dem unaufhaltsamen Staatsbankrott entgegen schlittern. Zuletzt ruft ein abgeschlagenes C1-Land singend die Revolution nicht-monetärer Lebensformen aus, während man sich in A2 nur mühsam seinen Weg durch umherfliegende Papiergeometrie bahnen kann. Die anschließende Reflexion bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher stellt die Harmonie zwischen den Nationen wieder her und lässt uns erkennen, wie viele Parallelen sich doch zu den wirtschaftspolitischen Fragen einer globalisierten Wirtschaft ziehen lassen.

Die von unserem Koch, dem Vegan-Mann, wie man ihn in dieser Gegend der Eifel auch nennt, servierten Gnocchis wissen zu begeistern, sind jedoch bloß eine kurze Unterbrechung an diesem Tag voll methodischer Aha!-Momente. Der nächste ist die Szenario- oder auch 4-Achsen-Methode, mit welcher Joel die Gruppe dazu bringt, die Entwicklung aktueller Ressourcenkonflikte bis ins Jahr 2100 weiterzuentwickeln. Das ist teils lustig, teils absurd, teils erschreckend – vor allem jedoch stellt es sich als wertvolles Mittel heraus, um die Bedeutung, die ein heute beobachteter Umstand in der Zukunft haben wird, zu ergründen. Zurück in die Gegenwart reißt es uns dann nach einer Kaffeepause – ob gravierenden Kuchendefizites tatsächlich nicht mehr als eine Kaffeepause – mit einer Einheit über das Selbstverständnis politischer BildnerInnen. Wer bei diesen Worten an die BildhauerInnen der bildenden Kunst denkt mag nicht ganz Unrecht haben, schließlich ist einer Teamenden eine gewisse Einflussnahme auf die SchülerInnen, auf ihre Ansichten und Bewertungen einzuräumen. Aber kann dies unser Ziel sein? Eine Fishbowl-Diskussion später zeigt sich: Politisch bilden bedeutet, denken zu lehren, keine fertig gedachten Ansichten zu liefern oder Bewertungen und trotzdem eine eigene Meinung haben zu dürfen. Dieser Gedanke wird schließlich mit der Vorstellung des Beutelsbacher Konsens‘ abgerundet, seit 1976 Grundsatz der politischen Bildung Deutschlands. So simpel wie wichtig legt er das Überwältigungsverbot, Kontroversität und SchülerInnenorientierung als Leitlinien unserer Arbeit fest. Einmal mehr merken wir wie anspruchsvoll unsere Arbeit ist – umso motivierender scheint daher, dass uns dabei extrem viel Handlungsspielraum und mit ihm auch Vertrauen geboten wird. Auf dieses weitere Aha! folgt erneut eine Portion Gnocchis, ein als Global Village betiteltes Buffet regionaler Kleinigkeiten und ein gemeinsamer Ausklang des Tages der gegen elf, gefühlt halb vier, in den bitter nötigen Tiefschlaf mündet.